10.10.2009, 21h Saloon SU DE COUCOU, Weserstr. 202 - im Rahmen der Weserrakete Performance
Mit Ihre Performance „All aboutt Eve II“ schließt Queen Barbie an eine Ausstellung und Performance an, die 1993 in Berlin-Mitte, in ihrem damaligen Salon BOUDOIR, Premiere feierte. „All about Eve“ bezog sich auf den gleichnamigen Film mit Bette Davis. Die Symbolsprache von „All about Eve II“ ist wesentlich dichter gewebt. Sie bewegt sich treffsicher und doch verschwiegen auf den Betrachter zu, so wie es Gemälde alter Meister vermochten. Die Performance startet mit drei knienden Matrosenballerinas, die zu Jitterbug Klängen aus einem David Lynch Film auf Blechtrommeln den Ton angeben und damit das Verschmelzen verschiedener Sphären einleiten. Mit der Blechtrommel aus dem gleichnamigen Film protestiert der Protagonist Oskar gegen die Gemeinheit der Spießbürger und schaffte Distanz zwischen sich und den Erwachsenen, die er aus der Froschperspektive beobachtete, ohne nach Erklärungen zu fragen. In dieses Trommeln hinein erscheint unbekleidet Eve. Ihr knielanges Haupthaar wurde teilweise zu einer Tonsur entfernt. Im Christentum, Buddhismus, Hinduismus und im alten Ägypten trug allein die Priesterkaste diese Frisur. Wenn nun die erste Frau auf Erden eine symbolische Öffnung des Schädels zur Schau trägt, so ist das blasphemisch oder auch schlau, denn durch diese Haartracht können eingedrungene Dämonen besser entweichen und positive Geistwesen leichter von ihr Besitz ergreifen. Eve bewegt sich nach rechts auf eine Skulptur zu. Es ist Cranachs Eva in der Dadaversion von 1918. Eva trägt den knallroten sündigen Apfel in der Hand. An ihm baumelt ein Trauerflor. Der Apfel gilt als Symbol der Macht. Das lange schwarze textile Band bringt das Mitgefühl, die eigene Betroffenheit und auch Respekt zum Ausdruck. Sowohl die Tonsur als auch der Trauerflor sind Elemente, die traditionell Männern vorbehalten waren. Eve bindet sich Evas Apfel mit dem Trauerflor auf ihrer Kopfmitte fest. Dann entnimmt sie der Eva-Skulptur das Gesicht, klippt es auf eine Stabmaske und verbirgt damit sich selbst. Dem Ursprung nach war die Maske ein vor dem Gesicht getragenes plastisches Gebilde, die sogenannte Larve. Masken erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Sie verbergen das wahre Gesicht und schützen es. Mit Hilfe der Maske verwandelt sich der Träger in die sie darstellende Figur. Eve kostet nicht wie Eva vom Apfel. Sie bleibt im Paradies, sie verliert ihre Unschuld nicht. Sie behält den Apfel, das Symbol der Macht. Freiwillig setzt sie sich im Hauptteil der Performance einem Kopfschuß aus, der jedoch nicht durch eine Respektperson, wie dem Vater in der Tellsage, ausgeführt wird. In „All about Eve II“ stößt konträr, die unbeschwerte Jugend zu. Die drei kindlichen Matrosenballerinas, die wie Sailor Moons anmuten, vollführen zu den Klängen des Songs „Boring“ von „The Pierces“ einen getanzten 21fachen Apfelschuss mit winzigen Amorpfeilen. Damit gerät das visuell sehr deutliche Apfelschusszitat, das in der germanischen, persischen, dänischen, norwegischen, der altnordischen Thidrekssaga und der isländischen Heldensage als Befreiungsakt mythischen Ursprungs gilt, eine äußerst spielerische Konation. In Eves Fontanelle fließt aus dem gepiercten Apfel Erkenntnis, freigesetztes freiheitliches Gedankengut. Eve legt sich kein Feigenblatt zu, sie ist mutig, nicht schamhaft. Die Matrosenballerinas krönen sie final zu Klängen aus Lynchs „Blue Velvet“ mit einer Dornenkrone, die aus einem Palmblatt gewunden wurde und an dem ein Brautschleier haftet, als zwingendem Beweis ihrer unversehrten Unschuld. Auch aufgelöstes Haar, das Eve bereits kleidet, hatte lange Zeit denselben symbolischen Wert. „All about Eve II“ lässt gängige Schlüsse und das Denken in Antagonismen nicht zu. Eve bleibt unversehrt, wird in der Performance symbolisch heilig gesprochen. Sie bleibt die, die sie ist. Die erste Frau der Menschheitsgeschichte ist hier erstmalig kein Opfer. Ihre Handlungweise verweigert sich negativer Interpretation. Eve tappt nicht in die Falle von Kategorie und Konvention. Sie lebt. |